Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 240
Trier: Im Schatten der glanzvollen Kurfürsten

Palais Kesselstatt, Trier, Liebfrauenstraße 9

Dieses Palais ist ein städtischer Adelshof, erbaut von Karl Friedrich Melchior Freiherr von Kesselstatt, Oberamtmann und Geheimrat von Kurtrier. Das Palais wurde erbaut in den Jahren 1740-1742, entworfen von Johann Anton Valentin Thoman(n), Mainzer Architekt und späterer Major, und ausgeführt unter der Bauaufsicht des Augustiners Joseph Walter. Die Innenausstattung zog sich noch 4 Jahre hin. Die Lage des Baus ist eine Herausforderung für den Architekten gewesen, denn einerseits folgt die lange Front der engen Liebfrauenstraße, andererseits öffnet sich direkt neben dem Palais der Domplatz. Meisterhaft wurde diese Situation dadurch gelöst, daß die Fassade praktisch auf die Ecke gesetzt wurde, so daß sie dem Domplatz und insbesondere der Liebfrauenkirche schräg zugewandt ist. Beherrscht wird die Fassade von dem Vor- und Zurückschwingen des reich mit Sandstein verkleideten Mittelteiles, der hier als Oval eingebaut ist, unten die Tordurchfahrt , flankiert von zwei Ochsenaugenfenstern, darüber eine Beletage mit Balkon mit schmiedeeisernem Geländer. Der Dreiecksgiebel obendrüber folgt der Wandkrümmung und schwingt gleichfalls wie die bewegte Fassade. In der Gebälkzone finden sich drei riesige Maskenschlußsteine über den Fensterbögen, dazwischen weitere Rokoko-Dekorationen. Die Fassaden-Seitenteile sind verputzt und sandsteingegliedert, sie leiten über zum ruhigeren Straßenflügel (links im Bild). Architektonisch findet dieser Rokokobau einen würdigen Nachfolger im Osteiner Hof zu Mainz. 1944 wurde das Palais bis auf die Umfassungsmauern zerstört, der Wiederaufbau dauerte bis weit in die 50er Jahre. Dabei wurde nur der Außenbau mit der Durchfahrt im alten Zustand wiederhergestellt.

In der Giebelzone befindet sich das Allianzwappen von Kesselstatt und von Frentz-Kendenich. Schildhalter sind ein Drache (Kesselstatt) und ein geflügelter Hund (Frentz-Kendenich). Die Inschrift in der Kartusche, heute ziemlich verwittert, trägt ein Chronogramm: INSIGNES ISTI QVI ME PEPERERE PARENTES, SVNT CANIS ATQVE DRACO, VIVAT VTERQVE PARENS = I + I + I + I + V + I + M + V + C + I + V + D + C + V + I + V + V + V = 1742.

Das Wappen Kesselstatt setzt sich aus zwei Komponenten zusammen. Ein Herzschild Kesselstatt liegt auf dem Wappen Orsbeck:

Besitz und Wappen von Orsbeck kamen durch Erbschaft an das Haus Kesselstatt, nachdem das Geschlecht der Freiherrn von Orsbeck mit dem Trierer Kurfürsten Johann Hugo von Orsbeck (gest. 1711, Onkel von Reichsfreiherr Kasimir Friedrich von Kesselstatt) ausgestorben war. Verwandt wurden diese beiden Adelsgeschlechter durch die Heirat zwischen Freiherr Johann Eberhard von Kesselstatt und Freiin Anna Antoinette von Orsbeck, der ältesten Schwester des Kurfürsten. Hugo von Orsbeck verfügte in seinem Testament, daß das Wappen seines Hauses Orsbeck mit dem des Hauses von Kesselstatt vereint werden sollte. Heute leben die Reichsgrafen von Kesselstatt auf Schloß Föhren bei Trier, ihrem Stammsitz.

Die Frau des Erbauers Karl Friedrich Melchior Reichsfreiherr von Kesselstatt war Freiin Isabella von Frentz-Kendenich. Das Wappen Frentz-Kendenich ist geviert aus:

Interessant ist, daß die Farbe Schwarz hier schon durch eine Rasterung ausgedrückt wird.

Ein zweites Mal ist diese Wappenkombination in das schmiedeeiserne Balkongitter eingearbeitet (Abb. unten). Die gleiche Wappenkombination begegnet uns übrigens ganz in der Nähe noch einmal, nämlich auf einer in der Liebfrauenkirche aufgestellten Grabplatte, innen gleich links vom Westeingang.

Zur Familie von Frentz und der dazugehörigen Heraldik sei etwas weiter ausgeholt:

Familie Raitz von Frentz: Seit 1040 belegt (Stammvater Razo), Ratsherren und Stadtobere von Köln (Raitz kommt von "ratio" oder "rationes"). Ende des 12. Jh. gelangten die Raitz in den Besitz der freien Herrschaft Frentz, seitdem Raitz von Frentz. Später Reichsfreiherren. Davon gibt es zwei Linien:

von Frentz, Raitz von Frentz (ursprüngliches Stammwappen), rheinischer Uradel

In Schwarz ein goldenes durchgehendes Kreuz. Helmzier Hals und Kopf eines schwarzen Ochsens mit goldenen Hörnern. Helmdecken schwarz-golden.

Raitz von Frentz zu Kendenich

Geviert: Feld 1 und 4: In Schwarz ein goldenes durchgehendes Kreuz. Feld 2 und 3: In Silber zwei rote Sparren.

Raitz von Frentz zu Slenderhan:

Geviert: Feld 1 und 4: In Schwarz ein goldenes durchgehendes Kreuz. Feld 2 und 3: In Silber ein schwarzer Balken, belegt mit 3 goldenen Amseln. Herzschild: Rot-blau geteilt, darüber ein silberner, goldgekrönter Löwe.

Der Herzschild wurde anläßlich der Verleihung der Reichsfreiherrenwürde zusätzlich aufgenommen.

Am Palais Kesselstatt findet sich noch ein Kesselstatt-Wappen alleine in einer Rocaille-Kartusche:

Ein Herzschild Kesselstatt (in Silber ein roter Drache) liegt auf dem Wappen Orsbeck (in Gold ein rotes Schragenkreuz, bewinkelt von vier grünen rund ausgeschnittenen Seeblättern). Man beachte, daß sich hier der Maler vom nachgedunkelten Silber hat verführen lassen, die silbernen Partien fälschlicherweise schwarz zu tingieren, ein leider häufiger Fehler. Die Seeblätter folgen hier dem zur Verfügung stehenden Raum und sind nicht aufrecht ausgerichtet.

von Kesselstatt, Stammwappen

In Silber ein roter Drache. Helmzier der Drache wachsend. Helmdecken rot-silbern.

von Orsbeck

In Gold ein rotes Schragenkreuz, bewinkelt von vier grünen rund ausgeschnittenen aufrechten Seeblättern. Helmzier: Ein silberner Pferderumpf mit rotem Zaum und roten Zügeln. Helmdecke rot-silbern.

Reichsfreiherren und spätere Reichsgrafen von Kesselstatt, nach 1711

In Gold ein rotes Schragenkreuz, bewinkelt von vier grünen rund ausgeschnittenen aufrechten Seeblättern. Herzschild: In Silber ein roter Drache.

Das Wappen am Seitengebäude

Rechts neben dem oben besprochenen Palais befindet sich an einem zurückgesetzten Gebäudetrakt ein modernes Allianzwappen, zwei zusammengestellte Schilde in einer in barocken Formen nachgemachten Kartusche, jedoch ohne die zeittypische Verschmelzung der Inhalte mit den Formen. So stehen die beiden Schilde ziemlich verloren in ihrer Umrahmung. Auf der heraldisch rechten Seite des Ehemannes befindet sich das Wappen Kesselstatt-Orsbeck wie oben beschrieben. Der heraldisch linke Wappenschild trägt hingegen das Wappen des regierenden Fürstenhauses Liechtenstein, zugleich das Staatswappen des Fürstentums Liechtenstein, geviert mit eingepfropfter Spitze und Herzschild, Feld 1: in Gold ein gekrönter und goldenbewehrter schwarzer Adler mit silberner, mit einem Kreuzchen in der Höhlung besteckter Mondsichel auf der Brust (Schlesien), Feld 2: von Gold und Schwarz siebenmal geteilt, überdeckt von einem grünen, schrägrechten, gebogenen Rautenkranz (Chuenring, Kuenring, seit 1620), Feld 3: rot-silbern gespalten (Herzogtum Troppau in Schlesien, seit 1614, Fürst Karl I. von Liechtenstein hatte 1614 vom Kaiser das Herzogtum Troppau verliehen bekommen), Feld 4: in Gold ein gekrönter, golden bewehrter, schwarzer Jungfernadler mit silbernem Kopf (für Ostfriesland bzw. Rietberg, Verbindung 1604), eingepfropfte Spitze: in Blau ein goldenes Jagdhorn (Hifthorn) mit goldenem Band (Herzogtum Jägerndorf in Schlesien, seit 1623, war ein Geschenk des Kaisers an Karl I. von Liechtenstein), Herzschild: golden-rot geteilt (Stammwappen der Fürsten von Liechtenstein). Auf dem Schild ruht ein Fürstenhut.

Diese Wappenkombination paßt zu Franz de Paula Georg Eugen Klemens Graf v. Kesselstatt (17.7.1894-2.9.1938), Sohn von Eugen Ottokar Joseph Franz Graf v. Kesselstatt (10.6.1870-10.11.1933) und Sárvár-felsõvidéki Gróf Széchényi Margit (27.5.1866-17.2.1915), und seiner Ehefrau Marie Gabrielle Olga Anna Prinzessin v. u. zu Liechtenstein (2.5.1905-5.3.1999), Tochter von Eduard Viktor Maria Prinz v. u. zu Liechtenstein (2.9.1872-6.3.1951) und Maria Olga Henriette Caroline Rosa Erdmuthe Gräfin v. Pückler-Limpurg (11.4.1873-14.2.1966). Eine gleiche Kombination, aber mit ausgetauschten Positionen der beiden Wappenschilde, befindet sich auf dem modernen Grabstein der in Wien geborenen und in Genf verstorbenen Ehefrau nahe der Föhrener Kirche.

 

Das Wappen der Fürsten von Liechtenstein wird beschrieben im Siebmacher Band: Salz Seite: 36 Tafel: 14, Band: Mä Seite: 224 Tafel: 156-157, Band: OÖ Seite: 181 Tafel: 54, Band: Bö Seite: 195 Tafel: 84, ferner im Band Fürsten und im Band Schlesien. Einige Felder sind erklärungsbedürftig:

Auch wenn Feld 2 im Siebmacher mehrfach als "Herzogtum Sachsen" angesprochen wird, entstammt dieses Feld dem Wappen der mit Johann VI Ladislaus v. Kuenring (-9.12.1594) erloschenen Kuenringer oder Chuenringer. Kaiser Ferdinand II. gestattete Karl von und zu Liechtenstein, dem ersten Reichsfürsten des Geschlechts, mit Diplom vom 7.4.1620, das Feld so zu führen. Die beiden Familien sind verwandt, so existiert z. B. eine Heirat zwischen Otto III. v. Liechtenstein-Murau (-24.11.1311) mit Adelheid v. Pottendorf, Tochter von Rudolf v. Pottendorf und Euphemia v. Chuenring, damit Enkelin von Heinrich I. v. Chuenring. Ferner hatte im frühen 15. Jh. Johann v. Liechtenstein Agnes v. Chuenring geehelicht. Ebenso im 14. Jh. Andreas v. Liechtenstein und Agnes v. Chuenring. Beachte: Dieses Feld ist von Gold und Schwarz siebenmal geteilt, hat also acht Streifen und beginnt mit Gold. Das korrekte herzoglich-sächsische Wappen ist hingegen von Schwarz und Gold neunmal geteilt, hat also zehn Streifen und beginnt mit Schwarz.

Genauso wird das Feld 4 im Siebmacher manchmal fehlerhaft zugeordnet ("Schellenberg"). Dieses Feld ist eine Verballhornung des alten Cirksena-Wappens und steht für Rietberg und eigentlich für Ostfriesland. Ursprünglich war das mal in Schwarz ein goldener Jungfrauen-Adler, beseitet von vier goldenen Sternen. Daraus wurde in Gold ein gekrönter, golden bewehrter, schwarzer Jungfernadler mit silbernem Kopf. Hintergrund der Aufnahme dieses Feldes in das Liechtensteiner Wappen ist die erste Heirat von Gundacker Fürst v. u. zu Liechtenstein (30.1.1580-5.8.1658) 1604 mit Agnes v. Ostfriesland (1.1.1584-24.1.1616), Tochter von Enno III. Graf v. Ostfriesland (30.9.1563-1625) und Walpurgis Gräfin v. Rietberg (-1586), die als Erbin von Rietberg/Ostfriesland gesehen wurde oder zumindest einen Anspruch darauf begründete. Die Nachkommen von Gundacker Fürst v. u. zu Liechtenstein durften fortan den Titel eines Grafen zu Rietberg führen. Dabei war Agnes nicht die einzige Erbin, einen weiteren Weg nahm das Wappen Rietberg/Ostfriesland in das der Kaunitz-Rietberg.

Korrekt hingegen wird Troppau (Feld 3) zugeordnet, ebenso Jägerndorf. Diese mährische Provinz wurde 1318 zu einem eigenständigen Herzogtum erhoben, dann 1377 geteilt, wobei die Teilherzogtümer Jägerndorf, Freudenthal und Leobschütz abgespalten wurden. Das zwischenzeitlich an die böhmische Krone heimgefallene Herzogtum wurde 1614 vom Kaiser an Fürst Karl I. von Liechtenstein verliehen. Kurzfristig verlor er die Kontrolle über das Herzogtum und das Eigentum an demselben während des Böhmischen Ständeaufstandes, bis er 1622 das Herzogtum Troppau wieder zurückbekam. Fast gleichzeitig bekam der katholische Fürst Karl I. 1623 das Herzogtum Jägerndorf in Schlesien als Lehen, das der protestantische Georg von Brandenburg während der religiösen Auseinandersetzungen verloren hatte.

Literatur:
Otto Gruber: Wappen des mittelrheinisch-moselländischen Adels, Trier 1962-1965, incl. Nachtrag Trier 1967, ebenfalls veröffentlicht in verschiedenen Jahrgängen der "landeskundlichen Vierteljahresblätter".
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschand, Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Band 17.1, Hrsg. im Auftrag des Ministeriums für Wissenschaft, Weiterbildung, Forschung und Kultur vom Landesamt für Denkmalpflege: Stadt Trier, Altstadt, bearbeitet von Patrick Ostermann, Wernersche Verlagsgesellschaft Worms, 2001, ISBN 3-88462-171-8, S. 308-310.
Siebmachers Wappenbücher
Wappen Liechtenstein:
http://www.liechtenstein-schloss-wilfersdorf.at/fuerstenhaus.html - http://www.fuerstundvolk.li/fuv/fuv.do?site=421172b06f221000996d610c1957690b - amtliche Festlegung: http://www.fuerstundvolk.li/fuv/files/images/Unser_Staat/Die_Staatsform/manual_wappen.pdf - http://www.gesetze.li/Seite1.jsp?LGBl=1982058.xml&Searchstring=Wappengesetz&showLGBl=true
Auftauchen schlesischer Wappen in vermehrten Wappen:
http://www.schwarzwaldau-niederschlesien.de/mediapool/79/795830/data/Wappen_Schlesien_1_.pdf
Fürstenhaus Liechtenstein:
http://www.monarchie-noblesse.net/liechtenstein/liechtenstein.htm
Herzogtum Jägerndorf:
http://de.wikipedia.org/wiki/Herzogtum_J%C3%A4gerndorf
Grafschaft Rietberg:
http://de.wikipedia.org/wiki/Grafschaft_Rietberg
Herzogtum Troppau:
http://de.wikipedia.org/wiki/Herzogtum_Troppau
Chuenringer:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kuenringer - http://www.rambow.de/die-herren-von-kuenring.html - Gottfried Edmund Friess, Die Herren von Kuenring: ein Beitrag zur Adelsgeschichte des Erzherzogtums Oesterreich unter der Enns, online: http://books.google.de/books?id=ioUJAAAAIAAJ (mit US-Proxy)
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Dr. Richard Laufner: Die Reichsgrafen von Kesselstatt,
http://fiehr.de/Text/Kesselstatt.htm
Robert Steimel, Rheinisches Wappenlexikon, Rheinischer Adel 1, Band III, Köln 1951
Robert Steimel, Rheinisches Wappenlexikon, Rheinischer Adel 1, Band II, Köln 1950

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