Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 185
Iphofen (Landkreis Kitzingen, Unterfranken)

Iphofen, Mittagsturm

Der sog. Mittagsturm ist Bestandteil der Stadtbefestigung, außen ist ihm das berühmte Rödelseer Tor vorgelagert. Es handelt sich um einen ehemaligen Gefängnisturm, der im frühen 16. Jh. um zwei Geschosse erhöht wurde und der heute wuchtig neben der Stadtpfarrkirche St. Veit aufragt. Im Tordurchgang war seit dem frühen 16. Jh. ein Fallgatter eingelassen, dessen Spuren man noch sehen kann. Nach außen war bis 1827 eine hölzerne Zugbrücke angebacht, so daß sich der Mittagsturm und die Stadt effektiv verteidigen ließen, wenn das Vorwerk, das Rödelseer Tor, schon gefallen waren. Am unteren der beiden neuen Geschosse befindet sich städtwärtig über der klar erkennbaren Mauerwerksgrenze das Wappen des Bauherrn, des Fürstbischofs Lorenz von Bibra (1495-1519): Geviert. 1: "Fränkischer Rechen" = von Rot und Silber mit drei aufsteigenden Spitzen geteilt, Herzogtum zu Franken. 2 und 3: Stammwappen von Bibra, in Gold ein steigender schwarzer Biber mit geschupptem Schwanz. 4: "Rennfähnlein" = in Blau eine rot-silbern gevierte, an den beiden senkrechten Seiten je zweimal eingekerbte, schräggestellte Standarte mit goldenem Schaft, Hochstift Würzburg. Nur ein Helm, dieser eine Kombination der beiden Würzburger Elemente, die Standarten in die Mundlöcher der Büffelhörner gesteckt. In frühen Bischofswappen ist das durchaus üblich, später werden die Helme zu mehreren nebeneinander gesetzt. Dieses Wappen wird in der Literatur häufig fälschlicherweise Konrad von Bibra zugeordnet, beruhend auf einer Publikation von Joseph Zink. Jener Konrad von Bibra benutzte aber nicht mehr die Kombinationshelmzier, sondern zwei separate Helme (vgl. Grabdenkmal im Würzburger Dom).

Die fränkischen Bibra standen früher in den Diensten der Henneberger, eventuell waren sie auch Ministerialen der Klöster Hersfeld und Fulda. In Würzburg bekleideten die von Bibra traditionell das Amt des Erb-Untermarschalls, erst im Wechsel mit den von der Kere (Kehr, Keer), später nach deren Erlöschen ab 1654 alleine. Eine zweite Ehrenstellung erlangte die Familie von Bibra ab 1721: Sie hatten dann auch das Amt der Erbtruchsesse im Hochstift Bamberg inne, ein Amt, das früher die Truchseß von Pommersfelden bekleideten, nach deren Aussterben gingen Besitz und Wappen der Truchsessen von Pommersfelden an die Schönborns, das Amt aber an die von Bibra. Vertreter der Familie sind eng mit dem Hochstift Würzburg verbunden und leisteten diesem wichtige Dienste. In kirchlicher oder ritterlich-kirchlicher Hinsicht ist die Familie von Bibra eines der bedeutendsten fränkischen Geschlechter: Zwei Bischöfe von Würzburg (Lorenz und Konrad), ein Fürstbischof von Fulda (Heinrich von Bibra), in Hersfeld Äbte und Pröpste, dsgl. in Veßra und Rohr, sechs Ritter des Deutschen Ordens, zwischen 1394 und 1790 achtzehn Mitglieder des Domkapitels zu Würzburg, in Bamberg vierzehn Domherren - der Name Bibra steht in Franken für beispiellosen Einsatz für kirchliches Geschehen in Franken. Heute existieren von der Familie Bibra aus dem Valentinischen Stamm die Linie Adelsdorf (Euerheim) und Gleicherwiesen, aus dem Bernhardischen Stamm die Linien Brennhausen, von und zu Bibra und Irmelshausen.

Iphofen, Rödelseer Tor

Insgesamt sind in Iphofen im Zuge der vollständig (bis auf einen modernen Durchbruch) erhaltenen Stadtmauer noch vier der alten mittelalterlichen Stadttore erhalten: Rödelseer Tor, Mainbernheimer Tor, Einersheimer Tor und Pesttor (vermauert). Davon ist das Rödelseer Tor mit Abstand das malerischste. Außen ist eine flache Pechnase bzw. ein Gußerker, der dem Angreifer zusammen mit Pech und Unrat heraldische Grüße des Bauherrn dieser Befestigung mitgibt: Das Wappen auf der Pechnase, reichlich dilettantisch ausgeführt, insbesondere die Helmdecken treiben dem Heraldiker Tränen in die Augen, ist das des Fürstbischofs Johann III. von Grumbach (reg. 1455 - 1466). Es gab zwei Geschlechter von Grumbach, eines, das seit 1099 nachweisbar ist und 1243 ausstarb (Dynasten von Grumbach), und eines, das eine Seitenlinie der von Wolfskeel ist (Reichsritter von Grumbach), 1328 die Veste Grumbach erwarb und sich danach nannte. Letzterem entstammt der Würzburger Fürstbischof. Beim Wappen fällt die Ähnlichkeit zu dem der von Wolfskeel auf, diese sind Stamm- und Wappengenossen derer von Grumbach. Die von Wolfskeel ließen 1494 ihr Wappen abändern (Helmzier).

Stammwappen von Grumbach: In Gold ein schwarz gewandeter oder je nach Darstellung unbekleideter Mohr, der in seiner ausgestreckten rechten Hand drei rote Blumen hält. Die linke Hand ist in die Hüfte gestützt. Die Helmzier von Grumbach ist ein flacher roter Turnierhut, silbern oder mit Hermelin gestulpt, darin ein geschlossener Flug, meist schräg von schwarz und gold geteilt, aber auch ganz schwarz möglich. Die Helmdecken von Grumbach sind nach der Lit. schwarz-golden.

Die von Grumbach sind eines der bekanntesten fränkischen Rittergeschlechter, weil sie als Unter-Erbschenken ein typisches Vasallengeschlecht der Würzburger Bischöfe waren, und weil sie einst eine der wohlhabendsten Familien waren. Der Stammsitz ist Burggrumbach, sie waren Dienstmannen der Dynasten von Grumbach oder Ministerialen des Klosters Kitzingen. Ihr Besitz lag verstreut zwischen Würzburg und Schweinfurt, dazu gehörten z. B. Estenfeld, Rimpar, Burggrumbach; Schwanfeld, Unterpleichfeld, Bergtheim, Gramschatzer Wald (letztere anteilig). Als typische Vasallen in vererbbarem Ehrenamt war die Familie eng mit Würzburg verbunden, so wundert es nicht, daß sie eine hohe Zahl von Klerikern und zwei Würzburger Bischöfe stellte, Wolfram von Grumbach 1322-1333 und Johann von Grumbach 1455-1466. Berühmte Vertreter der Familie im Dienste des Deutschen Ordens sind Hartmann von Grumbach, Landmeister des Deutschen Ordens in Preußen 1258 und Andreas von Grumbach, Deutschmeister, gest. 1500. Andere berühmtere Familienmitglieder sind Konrad von Grumbach, Ritterhauptmann im Kanton Rhön-Werra im 16. Jh., Weiprecht von Grumbach, Reichsvogt in Schweinfurt im 15. Jh. Die berühmteste Grumbach-Geschichte ist aber die der "Grumbachschen Händel", in deren Folge Wilhelm von Grumbach in Opposition zum Hochstift Würzburg geriet und 1567 hingerichtet wurde. Diese Affäre ruinierte die von Grumbach politisch und wirtschaftlich. Die Estenfelder Linie erlosch 1682 als letzte im Mannesstamm.

Das Rödelseer Tor wurde in seiner heutigen Form 1455-1456 erbaut. Es ist wegen seines malerischen Aussehens das meistphotographierte und -gemalte Bauwerk Iphofens und sein Wahrzeichen. Eigentlich handelt es sich bei diesem Gebäude um ein dem richtigen Tor vorgelagertes Vorwerk, hinter dem eine Zugbrücke hochgezogen werden konnte und dann ein Wassergraben den weiteren Zugang blockierte. Außen wehrhaftes und brandsicheres Mauerwerk, sind die Rückseiten aus preiswerterem Fachwerk errichtet. Ein weiterer großer militärischer Vorteil dieser Schalentürme war, daß sie, einmal vom Feind eingenommen, nicht als Bollwerk gegen die dahinter liegende Stadt und das eigentliche Tor benutzt werden konnte. Im Tor sind auch heute noch die hölzernen Türflügel mit kleiner Schlupfpforte für einzelne Personen eingehängt.

Zur Übersicht ein Ausschnitt aus der Liste der Würzburger Fürstbischöfe:

Gerhard von Schwarzburg 1372-1400
Johann I. von Egloffstein 1400-1411
Johann II. von Brunn 1411-1440
Sigismund von Sachsen 1440-1443
Gottfried IV. Schenk von Limpurg 1443-1455
Johann III. von Grumbach 1455-1466
Rudolf II. von Scherenberg 1466-1495
Lorenz von Bibra 1495-1519
Konrad II. von Thüngen 1519-1540
Konrad III. von Bibra 1540-1544
Melchior Zobel von Giebelstadt 1544-1558
Friedrich von Wirsberg 1558-1573
Julius Echter von Mespelbrunn 1573-1617
Johann Gottfried von Aschhausen 1617-1622
Philipp Adolf von Ehrenberg 1623-1631
Franz von Hatzfeld 1631-1642
Johann Philipp von Schönborn (desgl. Erzbischof von Mainz) 1642-1673
Johann Hartmann von Rosenbach1673-1675

Literatur:
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener 3. Aufl. 1999
Siebmachers Wappenbücher
Peter Kolb: Die Wappen der Würzburger Fürstbischöfe. Herausgegeben vom Bezirk Unterfranken, Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte e.V. und Würzburger Diözesangeschichtsverein. Würzburg, 1974. 192 Seiten.
Dr. Joseph Endres ein herzliches Dankeschön für wertvolle Hinweise
Josef Zink: Iphofen. Ein altfränkisches Städtebild, Würzburg 1911, S. 14
Andreas Brombierstäudl: Iphofen. Eine fränkische Kleinstadt im Wandel der Jahrhunderte, Iphofen 1983, S. 121
Dr. Josef Endres: Iphofen. Entwicklung einer würzburgischen Landstadt von ihren Anfängen bis in die Echterzeit, Dettelbach 2000, S. 83
Anton P. Rahrbach, Reichsritter in Mainfranken. Zu Wappen und Geschichte fränkischer Adelsfamilien. Bauer & Raspe Verlag - Die Siebmacherschen Wappenbücher, die Familienwappen deutscher Landschaften und Regionen, Band 2, 2003, ISBN 3-87947-113-4
http://www.iphofen.de/
http://www.kulturpfad-grafen-castell.de/html/body_iphofen.html

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