Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1140
Dresden (Sachsen)

Der Zwinger (Teil 1)

Eine einzigartige Festarchitektur
Der Zwinger ist eine der größten kunst- und kulturgeschichtlichen Attraktionen Dresdens. Er findet als barocke Festarchitektur nicht seinesgleichen. Der Zwinger ist barocke Inszenierung höfischen Lebens am Anschlag, aber auch zugleich höchste gebaute Dekadenz. Repräsentationsanspruch des ausgehenden Barocks vermischt sich mit der Eleganz des beginnenden Rokokos, strenge Gliederung und Axialität treffen auf verschwenderische Dekorationssucht. Einmalig ist der Zwinger in jedem Falle, zum einen wegen seines künstlerischen Konzeptes, zum andern als gebautes Symbol eines absolutistischen Hofes, der sich selbst feiert, Architektur, deren einziger Zweck Prunk und Repräsentation ist. Der Zwinger ist so sehr Höhepunkt Stein gewordenen barocken Lebensgefühles, daß die Kulissenhaftigkeit der Architektur nicht mehr steigerungsfähig scheint.

Die Anlage präsentiert sich uns heute als rechteckiger Platz, der im Nordosten von der Sempergalerie und im Südwesten von einer schmalen Langgalerie begrenzt wird, in deren Mitte das Kronentor ist, durch das man eine den Wallgraben überspannende Brücke betritt. Nach Nordwesten und Südosten ist das Rechteck bauchig mit Bogengalerien erweitert, in deren Scheitelpunkt jeweils ein ovaler Pavillon steht. Die vier sich durch die Ausbauchungen ergebenden Ecken des Hauptrechtecks tragen jeweils einen länglichen, sich in NO-SW-Richtung erstreckenden Pavillon als Aufsatz. Die zwei kleinen und vier großen Eckpavillons sind die einzigen zweistöckigen Bereiche, die später entstandene Sempergalerie nicht mitgerechnet. Der Innenhof des Zwingers mißt in seinen beiden Hauptrichtungen 116 bzw. 204 m, die Außenmaße sind 170 x 240 m.

Der besondere Reiz der Anlage ergibt sich vor allem durch die Symmetrie des Konzeptes, wie es sich innerhalb des Zwingerbereiches erleben läßt: Dem Wall-Pavillon im Nordwesten entspricht der Stadtpavillon im Südosten, alle vier Eckpavillons entsprechen einander, die beiden Symmetrieachsen schneiden sich inmitten vier ebenfalls symmetrisch angelegten flachen Wasserbassins. Dabei übersieht man - weil man es von innen nicht wahrnehmen kann, daß die Anlage gar nicht so symmetrisch ist - daß die beiden südöstlichen Ecken viel weiter ausgezogen sind als die nordwestlichen, das Nymphenbad im Norden ist außerhalb der Symmetrie, der Wallpavillon ist ganz anders in die Bogengalerien eingebaut als der Stadtpavillon etc. Doch das zählt alles nicht, wenn man im Hof verweilt und in jeder Richtung die gleichen, gespiegelten Elemente wahrnimmt.

Ein weiterer Reiz liegt in der vertikalen Dynamik, weil sich ständig ein- und zweistöckige Bereiche verschiedener Länge abwechseln, wobei das schlanke Kronentor den größten vertikalen Akzent setzt.

Abb.: Blick auf die Nordwesthälfte des Zwingers, links angeschnitten der mathematisch-physikalische Pavillon, in der Mitte der Wallpavillon, rechts angeschnitten der Französische Pavillon.

Baugeschichte des Zwingers
Doch so aus einem Guß, wie die Anlage heute wirkt, ist sie gar nicht, wie der Blick in die Baugeschichte zeigt. Insgesamt erstreckte sich der Bau über Jahre, denn 1709 erging der Auftrag Augusts des Starken an Matthäus Daniel Pöppelmann, eine Orangerie für die Züchtung seltener südländischer Gewächse zu bauen, der kleine Beginn eines großen Konzeptes, und 1728 ist die Anlage fertiggestellt. Das heißt, daß man am Anfang noch gar nicht daran dachte, das zu bauen, was es mal werden sollte. Es sollte nur eine Orangerie werden, zum einen, weil man eine Vorliebe für mediterrane und exotische Pflanzen, insbesondere für Orangen hatte, zum anderen, weil "man das einfach hatte", weil das Sammeln exotischer Genüsse voll und ganz in das barocke Lebenskonzept paßte, waren sie doch ein Symbol für paradiesisches Leben. Den Beweis, daß die nachfolgende Erweiterung anfangs noch nicht geplant war, haben wir darin, daß die Südwestseite nicht genau parallel zum Festungsgraben verläuft, sondern leicht abgewinkelt ist.

Die erste Bauphase umfaßte also das Nordwestende mit der Bogengalerie (1710-1712), die in der Mitte eine Freitreppe besaß, flankiert von zwei abknickenden Flügeln, die einen Aufsatz als zweites Stockwerk trugen, den Mathematisch-Physikalischen Salon und den Französischen Pavillon. Die Deckenmalereien von Louis de Silvestre und Heinrich Christian Fehling im Inneren entstanden erst 1717-1723. Der Orangerie-Entwurf wurde schon 1711 erweitert mit einem Entwurf einer passenden Gartenanlage, ferner begann man mit dem Bau des Nymphenbades.

In einer zweiten Bauphase entstanden die südwestliche Langgalerie und das Kronentor 1714-1718, ferner wurde 1716-1719 die Freitreppe der Bogengalerie mit einem Pavillon überbaut, dem Wallpavillon. Die expressiven Bildhauerarbeiten wurden von Balthasar Permoser angefertigt.

Die dritte Bauphase umfaßt die symmetrische Ergänzung des Vorhandenen. Anlaß war die Vermählung von Kronprinz Friedrich August (17.10.1696 - 5.10.1763) am 20. August 1719 in Wien mit Maria Josefa Benedikta Antonia Theresia Xaveria Philippine Erzherzogin v. Österreich (8.12.1699 - 17.11.1757), Tochter des Kaisers. Pöppelmann hatte die für die Feiern benötigten Bauten schon rechtzeitig im Jahr vor der Vermählung aus Holz errichten lassen, zu deren Feier die Festarchitektur eingeweiht wurde, nun folgte in der dritten Bauphase bis 1728 der Bau in Stein. In dieser Bauphase 1718-1728 entstanden der Stadtpavillon, der Deutsche Pavillon, der Porzellanpavillon und die südöstliche Bogengalerie. 1728 war die Fertigstellung, der Figurenschmuck wurde auch für die neuen Bauteile von Balthasar Permoser angefertigt. Die Räume werden als Sammlungs- und Bibliotheksgebäude verwendet.

Bis dahin war der Zwinger zur Elbseite noch nicht abgeschlossen. Zuerst war hier eine einfache Zuschauertribüne mit Königsloge, die im Jahre 1732 durch eine schlichte Mauer mit Pforte ersetzt wurde. Architekt Pöppelmann wollte hier eine Kaskadenfront und ein von Wasserkünsten umgebenes Tor als Gegengewicht und Entsprechung zum Kronentor errichten, dieses Projekt kam jedoch nicht mehr zur Ausführung. Eine weitere Idee war, den Festplatz bis zur Elbe zu ziehen und dort mit einer breiten Freitreppe zum Fluß enden zu lassen. Ebenfalls blieb sie im Projektstadium stehen. Eine dritte Idee war ein Barockschloß, für das der Zwinger nur als Vorhof dienen sollte, auch sie wurde nicht verwirklicht. Die tatsächlich durchgeführte Lösung, der wuchtige Querriegel des Galeriegebäudes mit plastischem Schmuck von Ernst Rietschel wurde erst 1847-1855 von Gottfried Semper erbaut.

Wallpavillon
Der Wallpavillon wurde nachträglich über einer Freitreppe erbaut, die bereits Teil der ersten Bauphase war. Seine erste Funktion ist, Blickpunkt zu sein, Mittelpunkt der Bogengalerie, optischer Akzent zwischen mathematisch-physikalischem und französischem Pavillon. Eine breite gestufte Plattform führt in die Halle des Untergeschosses, von dem aus eine Treppe hochführt, die sich teilt und bogig zu beiden Seiten auf die Dachplattform der Bogengalerien führt. Der einzige Raum des Pavillons ist der im Obergeschoß, ansonsten besteht der Pavillon nur aus Treppen. Seine zweite Funktion ist, Träger von bauplastischem Schmuck zu sein, denn hier kulminiert sich überreiche Plastik an allen nur denkbaren Stellen, eine überquellende barocke Üppigkeit plastischer Darstellungen.

Während sich das Untergeschoß mit fünf Bogenöffnungen zum Hof des Zwingers öffnet, entsprechen diesen im Obergeschoß fünf Fenster. Über dem mittleren befindet sich das Prunkwappen des Bauherrn in einer üppigen barocken Volutenkartusche, umgeben von Putten und Trompete blasenden Gestalten.

Das Wappen am Pavillon
Das Wappen über dem mittleren Fenster des Obergeschosses ist wie folgt aufgebaut:

Über dem Herzschild ein Kurhut, über dem Hauptschild die polnische Königskrone.

Abb.: Position des besprochenen Wappens und des Monogramms an der Hauptfassade des Wall-Pavillons.

Das Monogramm am Pavillon
Verschlungene Initialen des Bauherrn finden wir über der mittleren Bogenöffnung des Untergeschosses: Links ein F, rechts ein R/P, zentral ein A, Friedrich August von Sachsen, Rex Poloniae.

Eine weitere Initialenkartusche ist auf der Rückseite des Pavillons im Obergeschoß von der Dachplattform der Bogengänge aus zu sehen.

Bauschmuck: Plastiken von Permoser
Balthasar Permoser wurde am 13.8.1651 in Kammer bei Waging geboren, das damals zu Salzburg gehörte und heute zu Traunstein in Oberbayern gehört. Er lernte in Salzburg und Wien, wurde Schüler von Wolf Weißenkirchner und Giovanni Battista Foggini und war mehrere Jahre in Florenz für Cosimo III de Medici tätig. 1689 berief ihn August der Starke nach Dresden als Hofbildhauer. Er wurde einer der bedeutendsten Bildhauer des Barocks und brachte italienische Schönheitsideale in die deutsche Barockkunst ein; sein Hauptwerk ist die Ausstattung des hier besprochenen Zwingers mit Skulpturen. Typisch für seinen Stil ist die effektvolle Pose, die theatralische Wirkung kraftstrotzender Figuren, die den Einfluß von Giovanni Lorenzo Berninis (1598-1680) erkennen lassen. Weitere Werke von seiner Hand sind die Herkulesfiguren im Großen Garten und die Kanzel der Hofkirche, ferner die Holzfiguren der Kirchenväter Augustinus und Ambrosius im Bautzener Stadtmuseum. Er starb am 20.2.1732, ein Jahr vor seinem Förderer und Arbeitgeber.

Abb.: Detailaufnahmen vom Wallpavillon und den angrenzenden Bogengalerien. Das Figurenprogramm umfaßt Heroen und Götter der antiken Mythologie, die für den Bauherrn durchaus identifikationsfähig waren und seinem Geltungsanspruch entgegenkamen, dazu die hier gezeigten einzigartigen Satyrhermen.

Abb.: Detailaufnahmen vom Wallpavillon und den angrenzenden Bogengalerien. Der Schmuck ist von einer unglaublichen Üppigkeit; es scheint, als würde der Dekor wie Schaum nach außen quellen. Tatsächlich werden mit diesen Figuren an den Kreuzungspunkten vertikaler und horizontaler Gliederungselemente die wenigen verbliebenen Wandflächen in den Bogenzwickeln kaschiert.

Abb.: Detailaufnahmen vom Wallpavillon und den angrenzenden Bogengalerien.

Geschichte der Zerstörungen und Restaurierungen
Mit dem Tode Augusts des Starken 1733 endete der Ausbau des Zwingers. Sein Sohn und Nachfolger hatte andere Interessen. Ferner hatten sich die Zeiten geändert, und der Zwinger war weniger Kulisse barocker Feste, sondern vorrangig Aufbewahrungsort für die kurfürstlichen Sammlungen ("Palais Royal de Sciences"). Der Zwinger wurde seit seiner Fertigstellung vernachlässigt und immer wieder von Zerstörung heimgesucht:

Abb.: Wallpavillon, von Südosten gesehen. Hier wird deutlich, wie sehr der Wallpavillon Skelettarchitektur aus horizontalen und vertikalen Gliederungselementen ist: Die Mauern sind bis auf die tragenden Teile aufgelöst, die Bogenöffnungen und Fenster füllen die gesamte Fläche zwischen ihnen aus, geschlossene Wandflächen fehlen.

Literatur, Links und Quellen
Siebmachers Wappenbücher
Matthias Donath, Jörg Blobelt: Altes und Neues Dresden, 100 Bauwerke erzählen Geschichten einer Stadt, edition Sächsische Zeitung, SAXO'Phon GmbH, Dresden 2007, ISBN 978-3-938325-41-4
Heinz Quinger: Dresden und Umgebung, Geschichte, Kunst und Kultur der sächsischen Hauptstadt, DuMont Kunstreiseführer, 5. Auflage 2007, ISBN 978-3-7701-4028-2
Geschichte des Zwingers:
http://www.dresden-und-sachsen.de/dresden/zwinger_geschichte.htm
Zwinger:
http://www.besuchen-sie-dresden.de/de/sehenswuerdigkeiten/zwinger.php - http://www.dresden-und-sachsen.de/dresden/zwinger.htm

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