Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1129
Meißen (Sachsen)

Meißen, Freiheit 1

Baugeschichte:
In der Freiheit 1 steht der sog. Jahnaische Freihof. Es handelt sich um ein um 1609/1610 entstandenes zweigeschossiges Wohnhaus mit zwei Nebengebäuden, Garten und einer hohen Mauer zur Straße. Das Bemerkenswerte an dem ansonsten einen eher vernachlässigten Eindruck machenden Anwesen sind zwei Portale hervorragender Qualität, das eine in dem zur Gartenseite halb nach außen hervortretenden Wendelstein (polygonaler Treppenturm), das andere in der Gartenmauer. Das Anwesen ist privat und kann nicht besichtigt werden, ein vergittertes Loch in der Gartenpforte erlaubt jedoch den Blick auf das Portal des Wendelsteines.

Erbauer des Hauses ist Hans von Schleinitz, der mit Maria von Sundhausen verheiratet war. Hans von Schleinitz war seit 1579 Besitzer des 1551 in den Stand eines Rittergutes einschließlich der Gerichtsbarkeit über Hand und Haupt erhobenen Gutes in Niederjahna, wo er 1601 das Herrenhaus errichten ließ. Um 1609/10 ließ er sich den Stadtwohnsitz in Meißen errichten, der nach seinem Gut Jahnaischer Freihof heißt. Im Jahre 1613 vererbte Hans von Schleinitz diesen Stadtwohnsitz an seinen Sohn Heinrich von Schleinitz. Das Portal in der Gartenmauer entstand später als das des Haupthauses, ca. 1616, ist also besagtem Heinrich von Schleinitz und seiner Frau zuzurechnen.

Abb. links: Gartenmauer-Portal. Abb. rechts: Löwenportal, Portal des Wendelsteines.

Beide Portale sind vom Typus des sog. Sitznischenportales mit konkav gekehlten Seiten und beidseitig vorhandenem runden Sitzpodest auf sich nach unten verjüngenden Konsolen. Das innere Portal, das am Wendelstein, ist das prächtigere und kunsthistorisch interessantere, eigentlich das sehenswerteste Portal in ganz Meißen. Es trägt den Namen Löwenportal aufgrund der beiden plastisch ausgearbeiteten Löwenfiguren in der Kehlung des Bogens, die sich mit jeweils einer Pranke auf dem vielfach profilierten Bogenrand abstützen und mit der jeweils anderen Hand einen Ausläufer des ornamental ausgezogenen Randes der Schildkartusche halten. Die Holztür im Löwenportal ist noch original, lediglich die darauf befindliche Malerei mit den farblich gefaßten Wappen wurde 1967 erneuert. Der Meister, der dieses Portal meißelte, war der Bildhauer Melchior Kunze. Beide Portale wurden 1965/67 durch moderne Kopien ersetzt. Die Originale kann man im Stadtmuseum sehen.

Abb.: Bogen des Löwenportales mit den beiden Löwen in der Kehlung und dem zentralen Ehewappen.

Das Wappen am Gartenmauer-Portal:
Das Wappen über dem Renaissanceportal ist ein Ehewappen, zusammengesetzt aus zwei aufeinander bezogenen Vollwappen. Optisch links befindet sich das Wappen der Herren von Schleinitz, welche eine bedeutende Rolle in Meißen spielten und deren Wappen uns in Meißen häufiger begegnet, z. B. am Anwesen Freiheit 2 und insbesondere in St. Afra, wo sie ihre Grablege hatten und wo noch viele Schleinitz-Epitaphien zu sehen sind. Das Wappen der Freiherren von Schleinitz ist von Rot und Silber gespalten mit rechts zwei pfahlweise gestellten und hinten einer Rose in verwechselten Farben. Die Helmzier zeigt ein rotes rechtes und ein silbernes linkes Büffelhorn, Helmdecken rot-silbern. Bemerkungen zu Familie und Wappen vgl. den Abschnitt zum Burglehenhaus Freiheit 2.

Optisch rechts befindet sich das Wappen der Herren von Ende, einer uradeligen sächsischen Familie, denen am 31.10.1530 von Karl V. der Freiherrenstand bestätigt wurde. Ein weiteres Reichsfreiherrendiplom datiert vom 10.5.1705. Das Wappen zeigt in Gold einen aufspringenden schwarzen Wolf, im Siebmacher mit Angaben wie "mit rot blutendem Rachen" bzw. "zusammenbrechend, verendend" - Formulierungen, die der künstlerischen Freiheit der jeweiligen Darstellung zeitgenössische bildhafte Interpretationen beigeben. Helmzier ein schwarzer sitzender Wolf, Helmdecken schwarz-golden.

Das Wappen am Wendelstein-Portal:
Das Wappen über dem Renaissanceportal ist ebenfalls ein Ehewappen, optisch links befindet sich das oben beschriebene Wappen der Herren von Schleinitz.

Das optisch rechts befindliche Wappen der Ehefrau zeigt einen gespaltenen Schild, vorne mehrere Balken, hinten einen aufspringenden Hund oder Wolf. Helmzier ein wachsender Mannesrumpf. Das in Frage kommende Wappen der sächsischen, stolbergischen und hohensteinischen von Sundhausen (Maria von Sundhausen war Ehefrau des Hans von Schleinitz) wird im Siebmacher jedoch leicht abweichend beschrieben: Gespalten, vorn in Gold ein schwarzer, senkrecht laufender Hund oder Wolf, hinten in Schwarz drei silberne Balken. Auf dem Helm mit schwarz-goldenen (auch: rechts schwarz-goldenen, links schwarz-silbernen) Decken ein schwarz-golden gespaltener Mannesrumpf (Mohrenrumpf) mit abflatternder Stirnbinde zwischen einem golden-schwarz übereckgeteilten Adlerflug. Wappen mit ähnlichem Schildmotiv führen übrigens die von Holbach aus der Grafschaft Hohenstein, die aber nur einen Flug als Helmzier führen, die von Werna, die aber alle eines Stammes mit den von Sundhausen sind. Auch die Herren von Wangenheim führen ein ähnliches Schildbild, aber andere Farben und einen Flug auf einem Turnierhut als Helmzier. Im vorliegenden Fall wird nur ein Mannesrumpf abgebildet, obwohl das Wappen der von Sundhausen einen Mannesrumpf zwischen einem Flug haben soll. Das Wappen von Sundhausen in Thüringen hat übrigens ebenfalls den Wolf vorne und die Balken hinten, anders als hier. Die Malerei auf der Tür zeigt das Sundhausen-Wappen korrekt.

Literatur
Siebmachers Wappenbücher
Claus-Dirk Langer: Architekturführer Meißen: Die Bauten von A bis Z, Meißen 2006, ISBN 978-3-00-018806-0
Günter Naumann: Stadtführer Meißen, Sehenswürdiges, Wissenswertes und Unterhaltsames, 6. Auflage 2005, Edition Lerchl, Meißen, ISBN 3-9803364-2-5

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