Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1093
Meißen (Sachsen)

Postdistanzsäule am Elbufer in Meißen

Die Meißner Postdistanzsäule
Die Postdistanzsäule in Meißen - datiert auf 1722 - steht vor der Elbtalbrücke am rechten Elbufer an einer Straßenbiegung vor der Brücke über den Fluß. Sie wurde anläßlich der 1075-Jahr-Feier von Meißen wiedererrichtet.

Blick auf die unterschiedlichen Eck-Konstruktionen: Über dem Schriftblock folgt die Wappenzone bzw. das Wappenstück als separat zugehauener Stein, denn hier legte der Landesherr großen Wert auf Repräsentation. Die Darstellung seines Wappens war auch angemessen, denn die Post war ein Regal, das nicht ohne landesherrliche Erlaubnis ausgeübt werden durfte. In der Regel besitzt jede Säule vier Wappen, jeweils die Kombination aus übereck einander zugeneigten barock verzerrten Wappenschildkartuschen mit polnisch-litauischen und kursächsischen Inhalten. Dadurch, daß sich jeweils zwei dieser Kartuschen einander zuneigen und am Eck mit einer Volute miteinander verbinden, überhöht von einer Krone, wird hier der ansonsten quadratische Querschnitt der Säule ins Längliche gezogen.

Das Wappen Augusts des Starken
Das Wappen spiegelt eine spezielle geschichtliche Konstellation wider, die nur für zwei Herrscher zutraf: August der Starke war gleichzeitig als Friedrich August I. Kurfürst von Sachsen (1694-1733) und August II. König von Polen (1697-1704 und 1709-1733, unterbrochen durch die Niederlage gegen Schweden im Großen Nordischen Krieg). Nach ihm galt für seinen Sohn das Gleiche (Friedrich August II., Kurfürst von Sachsen 1733-1763) und als August III. König von Polen (1733, 1736-1763).

Darüber die polnische Königskrone. Es handelt sich um eine Bügelkrone, die oben mit einer mit einem Kreuz besetzten Kugel abschließt.

Da sich beide Schilde einander zuneigen, ergibt sich unter deren Verbindungspunkt eine Zone am Eck, die für die Anbringung von Initialen genutzt wurde: Diese Zone ist blau angestrichen und trägt die verbundenen goldenen Buchstaben AR - Augustus Rex, König August. Das Ganze kommt zweimal an gegenüberliegenden Ecken vor.

Ein Kurfürst und König läßt sein Land vermessen
Voraussetzung für die systematische Vermessung und Markierung der Postwege war, daß August der Starke 1712 das Postwesen zurückkaufte, sodaß es nun in staatlichen Händen lag. Die Gründe dafür waren vielfältig, zum einen war das Postwesen lukrativ (nach der Verstaatlichung warf das Postwesen 1714 den dreifachen Gewinn ab im Vergleich zur Pacht des vorherigen Oberpostmeisters), zum andern war eine systematische Weiterentwicklung notwendig, die die Möglichkeiten und Interessen eines einzelnen privaten Postmeisters bei weitem überstieg.

1713 wurde von August dem Starken eine neue Postordnung erlassen, die beispielsweise die Vereidigung aller höheren Angestellten auf den Herrscher selbst regelte, ferner Vorschriften zu Aufenthalten an den Poststationen und Fahrplänen zum Inhalt hatte sowie Tarif- und Gehaltsvorschriften. Um diese Genauigkeit in Zeitangaben für die Fahrpläne und Beförderungstarife zu ermöglichen, war eine genaue Vermessung der bislang eher auf Schätzwerten beruhenden Entfernungen unumgänglich.

Der Mann hinter dem Werk: Zürner
Mit der Vermessung und kartographischen Erfassung von Sachsen sowie mit der Aufstellung der Markierungen entlang der Postwege ist ein Mann ganz besonders verbunden: Adam Friedrich Zürner. Er wurde am 15.8.1679 in Marieney bei Oelsnitz im Vogtland als zweites Kind des dortigen Pfarrers Adam Zürner geboren. Auch seine Mutter Katharina Barbara war eine Pfarrerstochter, und so war der Weg des Sohnes eigentlich schon vorgezeichnet. Adam Friedrich Zürner besuchte 1691 - 1698 die Lateinschule in Oelsnitz und in Plauen, danach folgte ein Studium der Theologie in Leipzig. Als sein Vater Adam Zürner 1701 verstarb, mußte er dringlichst sein Studium beenden, welches er an der Universität Wittenberg, wo er 1702 den Magistergrad erlangte, 1704 erfolgreich abschloß. Im selben Jahr noch trat er seine erste Stelle als nicht-ordinierter Katechet in Paunsdorf bei Leipzig an, 1705 übernahm der die Pfarrerstelle in Skassa bei Großenhain.

Doch das ist nicht der Zürner, den wir hier behandeln wollen. Schon während seines Studiums hatte er sich mit Mathematik und Geographie als Hobby beschäftigt. Parallel zu seiner Pfarrerstätigkeit kümmerte er sich um Vermessung. Sein Stern bei Hofe begann zu steigen, als er dem Kurfürsten August d. Starken seine "Special-Landt-Charte von Großenhain" im Jahre 1711 vorlegen ließ. Der erkannte sofort das Potential dieses Mannes und gab eine ähnliche Karte für das Amt Dresden in Auftrag. Nur zwei Jahre später bekam Zürner den Auftrag, nun mit dem Titel "Land- und Grenzkommissar" alle Ämter des Kurfürstentum Sachsen in diesem Stil aufzunehmen und zu kartieren. Es gab zwar schon Vorläuferprojekte aus dem 16./17. Jh., die aber wegen des Dreißigjährigen Krieges nie zum Abschluß gebracht worden waren. Zürner gab seine Pfarrerstelle in Skassa auf und wurde hauptberuflicher Kartograph in Dresden. 1718 hatte er die "Neue Chursächsische Post-Charte" mit 16 Blättern erstellt, die penibel die unterschiedlichen Entfernungen der einzelnen Orte auf den Poststraßen erfaßte. Zürner wurde 1716 zum "Kurfürstlich Sächsischen und Königlich Polnischen Geographen" ernannt und Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Sein dem Kurfürsten gewidmetes Hauptwerk ist der "Atlas Augusteus der Chursächsischen Lande" mit 40 Übersichtskarten und 40 Spezialkarten, erst 1756 von Schenck in Amsterdam herausgebracht.

Um diese Vermessung durchzuführen, hatte Zürner zwei Hilfsmittel konstruiert: Einen Meßwagen und eine Meßkarre mit nur einem Rad. Die hinteren Räder des Meßwagens hatten einen Umfang von genau einer Dresdner Rute = 4,531 m und einen Radius von 72,1 cm. Die Umdrehungen wurden über ein Getriebe auf ein Zählwerk übertragen. Schwierige Wegstrecken, auf denen der große Meßwagen nicht zum Einsatz kommen konnte, wurden mit der einrädrigen Meßkarre ausgemessen, deren Rad gleichermaßen mit einem Zählwerk gekoppelt war, aber nur einen Radius von 36,05 cm und einen Umfang von einer halben Rute hatte. Zürner war nicht allein, sondern hatte auch Gehilfen (sog. Kondukteure).

Die steinernen Markierungen entstehen
Die nächste Phase war die Markierung der Poststrecken ab 1721, das eigentliche Lebenswerk Zürners, dessen Spuren uns heute noch in den sächsischen Städten begegnen. Bereits bei der Vermessung wurden alle 500 Ruten Holzpfähle zur Markierung eingerammt als Vorbereitung steinerner Nachfolger. Am 12.9.1721 befahl August der Starke die Setzung steinerner Postsäulen, konkretisiert durch einen Erlaß am 19.9.1721, in den Ämtern Dresden, Meißen und Großenhain zu beginnen, was am 1.11.1721 auf das gesamte Kurfürstentum ausgedehnt wurde. Per Dekret vom 14.12.1721 bekam Zürner eine Art Generalvollmacht zur Durchführung. Zürner legte bis ins Detail fest, wie die unterschiedlichen Markierungen auszusehen hatten, er ließ Kupferstiche mit Vorlagen und Instruktionen verteilen, und er inspizierte persönlich die Aufstellung und verlangte ggf. Nachbesserung bei unzureichender Entsprechung, um Einheitlichkeit zu erreichen.

Begeisterung rief die Maßnahme bei den Betroffenen nicht hervor, denn August der Starke hatte von vornherein keinen Zweifel daran gelassen, wer für die Unkosten der Steinsetzung aufzukommen hatte, nicht der Staat, sondern der Stadtsäckel bzw. der zuständige Grundherr: Auf wessen Gebiet der Stein zu stehen kam, der hatte zu zahlen. Entsprechend versuchte man zu verzögern und zu verhandeln, um zu sparen. Eine Sparmaßnahme, der Zürner schließlich folgte war, daß Städte eigentlich an jedem Stadttor eine Postdistanzsäule aufzustellen hatten, egal wie viele und wie wichtige bzw. unwichtige Wege davon abgingen. Hier verhandelte man oft zugunsten einer einzigen zentralen Marktsäule, die die Betroffenen erheblich billiger kam als 2-5 Säulen außenherum. Andere Städte leisteten erheblichen Widerstand gegen die Markierungen, so daß August der Starke schließlich Strafen androhen mußte. Ein weiterer Streitpunkt war die Kollision der Dresdner Maße mit abweichenden lokalen Maßen, wo die Bewohner Rechtsfolgen befürchteten. Die meisten Säulen wurden jedoch erfolgreich in der Zeit 1722-1730 errichtet.

Auch nach dem Tod August des Starken 1733 arbeitete Zürner unter dessen Sohn und Nachfolger weiter an seinem Lebenswerk bis zu seinem eigenen Tod 1742. Zürner hatte es geschafft, einen Großteil der sächsischen Hauptpoststrecken mit Markierungen zu besetzen, nicht geschafft waren die Markierungen der Nebenstrecken. Friedrich August II führte mit Erlassen aus den Jahren 1748, 1749 und 1753 das große Werk fort.

Die Entfernungsangaben auf der Meißner Säule
Beispielhafte Entfernungsangaben auf der ersten Seite:

Der Horizontalstrich kennzeichnet das Ende der vorherigen Route und den Beginn einer neuen Route an.

Auf der zweiten Seite gibt es nur einen Weg:

Auf der dritten Seite geht es von Meißen nach

Die nächste Route unter dem Strich führt nach

Die vierte Seite leitet nach:

Hayn hat hier eine Nummer in Klammern. In den Orten mit einer Nummer besteht eine Poststation und damit für den Reisenden auch die Möglichkeit zur Rast und ggf. Übernachtung. Wenn diese Ziffern aber in Klammern standen, dann lag die betreffende Poststation nicht an der Hauptroute und war ggf. erst durch Umsteigen zu erreichen.

Eine weitere Route folgt unter dem nächsten Strich:

weitere Routen über Elsterwerda folgen unter dem Strich. Damit besitzt diese Säule auf allen vier Seiten Wegangaben und entspricht vom Typus her einer Marktsäule, die zentral aufgestellt wurde, im Gegensatz zu den Torsäulen, die nur auf zwei Seiten beschriftet waren und mit ihren Angaben nur eine Großrichtung abdeckten.

Literatur
Dr. Siegfried Rühle, Überarbeitung durch Friedrich H. Hofmann unter Mitwirkung von André Kaiser und Frank Ringleb, Postsäulen und Meilensteine, herausgegeben von der Forschungsgruppe Kursächsische Postmeilensäulen e. V., 3. Auflage 2007, Schütze, Engler, Weber Verlags GbR, Dresden 2007, ISBN 978-3-936203-09-7
http://www.kursaechsische-postmeilensaeulen.de/
Lexikon Kursächsische Postmeilensäulen, transpress Verlag Berlin 1989, ISBN-10: 3344002643, ISBN-13: 978-3344002640
Verein für sächsische Postgeschichte und Philatelie:
http://www.postgeschichte-sachsen-vsp.de/
Gustav Schäfer, Geschichte des Sächsischen Postwesens vom Ursprung bis zum Übergang in die Verwaltung des Norddeutschen Bundes, Dresden 1879
Kurt Krebs: Das kursächsische Postwesen zur Zeit der Oberpostmeister Johann Jakob Kees I und II, Berlin und Leipzig 1914
http://de.wikipedia.org/wiki/Kursächsische_Postmeilensäule
http://de.wikipedia.org/wiki/Galerie_der_Sächsischen_Postmeilensäulen
http://de.wikipedia.org/wiki/Dresden-Teplitzer_Poststraße

Postdistanzsäule in Dresden - unter spezieller Berücksichtigung der Maßeinheiten und alternativer Wappendarstellungen
Postdistanzsäule in Moritzburg - unter spezieller Berücksichtigung des Aussehens des Markierungssystems
Postdistanzsäule in Pirna - unter spezieller Berücksichtigung der Geschichte ihres Verfalls
Postdistanzsäule in Königstein - unter spezieller Berücksichtigung der heutigen Standorte der Säulen
Postdistanzsäule in Stolpen - Postdistanzsäule in Leisnig

Postdistanzsäule - Theater/Gewandhaus - Heinrichsplatz 7 - Freiheit 2 - Freiheit 1 - Rathaus - Bennohaus - Portal St. Afra - Domplatz 6 - Dompropstei - Bischofsschloß

Rautenkranz - Vytis

Sächsische Wappen (1), Ernestinische Linie - Sächsische Wappen (2), Albertinische Linie

Ortsregister - Namensregister
Zurück zur Übersicht Heraldik

Home

© Copyright / Urheberrecht Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2009
Impressum
Bestandteil von
www.dr-bernhard-peter.de und www.heraldik-leitfaden.de