Bernhard Peter und Dominik Smasal
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1016
Heidelberg

Heiliggeistkirche, Südportal

Geschichte der Heiliggeistkirche:
Am Marktplatz im alten Zentrum der Stadt Heidelberg gelegen, beherrscht die mächtige Silhouette aus rotem Buntsandstein der Heiliggeistkirche zusammen mit ihrem Turm die Altstadt. Es handelt sich um eine Hallenkirche der Gotik mit wenigen barocken Veränderungen (Dach, Portal, Turmhaube).

Ein Vorgängerbau vom basilikalen Typ entstand um 1300. 1398 wurde unter Ruprecht III der Chor abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt - so wie man bei gotischen Kirchenneubauten eigentlich immer mit dem Chor anfing. Es wurde ein hoher, heller, reich durchfensterter Hallenchor im spätgotischen Stil. Motiviert war der Neubau durch die herausgehobene Stellung der Kurfürsten im Reich (zudem Ruprecht III deutscher König wurde) und einem entsprechenden Repräsentationswunsch, insbesondere vor dem Hintergrund der geplanten Nutzung als Grablege der Pfälzer Kurfürsten. Eine Vollendung des Chores ist um 1410 anzunehmen.

Die Ersetzung des älteren und bescheidenen Langhauses nahm man später in Angriff, unter Kurfürst Ludwig III. Die Fertigstellung war 1441, es wurde eine dreischiffige Emporenhalle mit Kreuzrippengewölben unter einem durchlaufenden Dach. Von Stil und Proportionen her orientierte man sich an den Vorgaben des Chores, so daß beide zu einer Einheit wurden ohne größeren Stilbruch. Die Seitenschiffe sind breiter als das Hauptschiff, was noch mehr den Hallencharakter des Raumes unterstreicht. Der in den Baukörper eingezogene schlanke Kirchturm im Westen wurde als Letztes erbaut, der Baubeginn ist um 1441 anzusetzen, nach Unterbrechungen ist der Turm wohl 1515 vollendet worden, mit einem zeitgemäßen spitzen Abschluß über dem achteckigen Glockengeschoß versehen, noch nicht mit der heutigen Haube. Für ihn ist wohl Niclaus Eseler aus Mainz als Baumeister verantwortlich gewesen, später Lorenz Lechler.

Die Heiliggeistkirche ist wichtiger kultureller Mittelpunkt kurpfälzischer Geschichte: Hier war die Grablege der Pfälzer Kurfürsten, hier war die berühmte Bibliotheca Palatina untergebracht. Die Büchersammlung, erst die Stiftsbibliothek, später von den Kurfürsten Ludwig III, Ottheinrich, Johann Casimir auf das Vortrefflichste ausgestattet und erweitert, war auf den Emporen der Seitenschiffe untergebracht, das erklärt auch deren breite Konzeption. 1622 wurde die berühmte Büchersammlung im 30jährigen Krieg von Kurfürst Maximilian I. von Bayern geraubt und dem Papst als Geschenk überbracht ("die Kirche hat einen guten Magen und kann auch unrecht Gut vertragen"), nachdem Tilly Heidelberg eingenommen hatte. Die Dimensionen waren gewaltig, 5000 Bücher und 3500 Handschriften waren es. Ganze 885 konnten im Jahre 1816 zurückerhalten werden, der Hauptteil dieses Kulturschatzes befindet sich immer noch im Vatikan. Eines der bedeutendsten Bücher der Bibliotheca Palatina ist übrigens die Manessische Liederhandschrift, die verdankt ihre Aufbewahrung in Heidelberg dem glücklichen Umstand, daß Kurfürst Friedrich V. sie 1619 bei seiner Flucht aus Heidelberg eingesteckt hatte. Über eine Zwischenstation in Paris gelangte sie 1888 durch Rückkauf an die Heidelberger Universitätsbibliothek.

Es handelt sich bei der Heiliggeistkirche um eine Stiftskirche, die im Zusammenhang mit der Universität stand, und die Pfründen der Heiliggeistkirche dienten der Finanzierung der Universität, denn die Professoren waren zugleich Stiftsherren. Später unter Kurfürst Ottheinrich wurden die Funktionen getrennt, das Stift wurde aufgelöst, die Pfründen wurden direkt der Universität übertragen, und die Heiliggeistkirche wurde eine normale Pfarrkirche. Später wurde die Peterskirche Universitätskirche.

Das Äußere der Heiliggeistkirche ist schlicht, das Maßwerk zurückhaltend, die Strebepfeiler sind bis auf die Wasserspeier sogar gänzlich schmucklos, was der Außenansicht eine gewisse Monumentalität verleiht. Zwischen den Strebepfeilern sind außen kleine Buden eingebaut, in denen früher Händler und Handwerker ihre Dienste anboten, heute ist hier nur der übliche Touristenkitsch zu finden.

Auch als Simultankirche machte übrigens die Heiliggeistkirche Geschichte, denn 1705-1936 war sie zweigeteilt mit katholischem Chor und protestantischem Langschiff.

Einmal wurde die Kirche schwer beschädigt: Während des Pfälzer Erbfolgekrieges sperrten französische Truppen die Heidelberger Bürger in die Kirche und zündeten sie an. Nur knapp entkamen die Bürger einer noch größeren Katastrophe. Der Schaden an der Kirche, insbesondere an den Gewölben war groß. 1698 wurde das Dach wiederhergestellt. Der Turm bekam 1709 einen neuen Abschluß, eine sog. welsche Haube im barocken Stil. Beim Wiederaufbau wurde der Bau auch wieder ein wenig purifiziert, zwischenzeitlich angebaute Seitenkapellen wurden abgerissen.

An der Nord- und der Südseite befinden sich drei nachträglich eingebaute Portale aus der Barockzeit. Das Hauptportal im Westen wurde 1967 an die Nordseite versetzt und durch ein neugestaltetes Portal ersetzt. Das Portal der Südseite ist besonders heraldisch interessant, weil hier das Allianzwappen Pfalz/Medici abgebildet ist. Es ist dem Kurfürsten Johann Wilhelm und seiner Frau Anna Maria Luisa von Medici zuzuordnen. Unter deren Herrschaft wurde die Kirche nach den Zerstörungen des Pfälzer Erbfolgekrieges wiederhergestellt.

Genealogie zum Wappen (1):

Aufbau des Pfälzer Wappens:

Um das Wappen die Collane des Ordens vom Goldenen Vlies mit Gliedern aus Feuerstählen und Flammen.

Genealogie zum Wappen (2):

Aufbau und Geschichte des Medici-Wappens:

Das ursprüngliche Wappen zeigt nur rote Kugeln. Die Anzahl der Kugeln ist nicht immer sechs gewesen, sie betrug im 14. Jh. z. B. acht. Zu diesem Wappen gibt es auch eine Wappenlegende, die sechs roten Kugeln (sog. Palle) sollen angeblich Pillen darstellen und den Namen Medici - Ärzte - versinnbildlichen. Wie so viele andere Legenden eine nette Erzählung ohne stichhaltigen Wahrheitsgehalt, die auch durch Wiederholung nicht richtiger wird.
Später setzten sich die 6 Kugeln durch als Anzahl: Das Wappen der Grafen von Medici waren in Gold sechs 3:2:1 gestellte rote Kugeln. Die Anordnung der Kugeln änderte sich dann später zu 1:2:2:1. Helmzier war auf gekröntem Helm ein wachsender schwarzer Hund mit silbernem Halsband. Helmdecken außen gold mit roten Kugeln bestreut, innen silbern-schwarzer Eisenhutfeh. In dieser Form wird der Wappenschild auch später noch von der dalmatinischen Linie geführt.
Die Großherzöge de Medici führen nach 1465 in Gold sechs 1:2:2:1 gestellte Kugeln (palle), von denen die obere etwas größer ist und blau tingiert sowie mit drei (2:1) goldenen Lilien (fleur-de-lys) belegt ist, und die fünf unteren rot sind. Die Änderung der obersten Kugel war ein französisches Gnadenzeichen, denn die oberste Kugel ist praktisch mit dem Wappen von Frankreich belegt. Eine Fleur-de-Lys führt die Stadt Florenz ebenfalls in ihrem Wappen, aber in rot und modifiziert; den de Medici wurden die Fleur-de-Lys - Lilienblüten - u. a. durch ein Privileg von 1465 vom französischen König Ludwig XI als Gnadenzeichen gewährt (Wappenbesserung).

Der Schild ist mit der Florentiner Krone geschmückt, eine Zackenkrone, die in der Mitte eine rote Florentiner Lilie trägt. Wenn ein Vollwappen der Großherzöge von Toscana abgebildet wird, sind die Decken rot-golden, und auf dem gekrönten Helm befindet sich eine rote Lilie, darauf ein naturfarbener Sperber, mit dem Schnabel und der erhobenen rechten Klaue einen durch goldenen Ring gezogenes silbernes Band mit der Devise "semper" haltend.

1737 starb der letzte regierende Medici, Gian Gastone de Medici, ohne Erben, und das Palle-Wappen kam auf Umwegen in das des Hauses Lothringen, das jetzt einen gespaltenen Herzschild führte, vorne in Gold ein roter Balken, mit drei silbernen Alerions belegt, hinten das Medici-Wappen.

Über den beiden Wappenschilden optisch links der Kurhut und optisch rechts eine großherzoglich-toskanische Krone, aber ohne die Florentiner Lilie.

Literatur, Links und Quellen:
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Heiliggeistkirchengemeinde:
http://heiliggeist.ekihd.de/
Architektur der Heiliggeistkirche:
http://www.sino.uni-heidelberg.de/students/tjuelch/Bauwerke%20Altstadt/Heiliggeistkirche.htm
Werner Keller (Hrsg.): Die Heiliggeistkirche zu Heidelberg 1398-1998, Heidelberg 2000.
Eberhard Zahn: Die Heiliggeistkirche zu Heidelberg. Geschichte und Gestalt. Dissertation, Heidelberg 1955.
Eberhard Zahn: Die Heiliggeistkirche zu Heidelberg. Geschichte und Gestalt. Veröffentlichungen des Vereins für Kirchengeschichte in der evangelischen Landeskirche Badens, Bd. 19, Verlag Evangel. Presseverband, Karlsruhe 1960.
Siebmachers Wappenbücher

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